Home / Balkon & Garten  / Gartenzwerge: Männlein mit Migrationshintergrund

Gartenzwerge: Männlein mit Migrationshintergrund

Wie schon erwähnt, sind meine Eltern große Gartenfreunde. Vor einem Jahr haben sie einen Schrebergarten gepachtet und zur Einweihung waren jede Menge Freunde und die neuen Nachbarn aus der Schrebergartenkolonie eingeladen. Natürlich war auch ich dabei, mit dem perfekten Geschenk für meinen Vater, der ein großer Fußballfan ist: einem Gartenzwerg vom 1. FC Köln.

 

Gartenzwerge gelten als urdeutsch: Zu Unrecht, denn sie sind weit gereist © dariagarnik - shutterstock.com

Gartenzwerge gelten als urdeutsch: Zu Unrecht, denn sie sind weit gereist © dariagarnik – shutterstock.com

Wie ich später bei einem Spaziergang durch die Kleingartensiedlung zu meinem Bedauern feststellen musste, war meine Geschenkidee aber gar nicht so ausgefallen, wie ich gedacht hatte. Ich entdeckte mindestens noch ein Dutzend weiterer Fußball-Gartenzwerge, viele davon mit Bierflasche und ein weiterer ebenfalls in der Kluft des 1. FC Köln.

 

Überhaupt stellte ich fest, dass Gartenzwerge ihr Amt als deutsche Botschafter in Sachen Deko in praktisch jedem Garten ausüben. Und meistens sind die kleinen Kerle von der lustigen Sorte: Mir begegneten Zombie-Zwerge, Zwerge auf dem Klo, mordende und ermordete Zwerge und natürlich auch ein paar perverse Zwerge – kurz: In den Gärten zeigte sich mehr als eine Subkultur.

Gartenzwerge sind weit gereist

Gartenzwerge gelten ja als das Symbol des deutschen Spießertums. Dass es so gekommen ist, erstaunt, wenn man ihre Geschichte betrachtet. Ihre Wurzeln liegen nämlich im Osten – und zwar weit im Osten.

 

Wer sich die Mützen der Gartenzwerge anguckt und einigermaßen sattelfest in (Kirchen-)Geschichte ist, könnte ihren Ursprung erraten. Denn an was erinnern die roten Zipfelmützen der Gartenzwerge? – Richtig, an Nikolausmützen! Und der heilige Nikolaus stammte aus der antiken Stadt Myra in der kleinasiatischen Region Lykien. Heute heißt der Ort Demre und gehört zur Region Antalya. Gartenzwerge sind also eigentlich Türken.

 

Der korrekte Begriff für die Mützen der Gartenzwerge ist „phrygische Mütze“. Sie wurden ursprünglich aus dem gegerbten Hodensack eines Stieres gefertigt und sollten dem Träger dessen Fähigkeiten verleihen. Die Zipfelmütze ist also mitnichten ein typisches Accessoire von Zwergen gewesen, sondern die anatolische Version der Basecap.

Pygmäen standen Modell

Die menschlichen Vorbilder für die türkischen Ur-Gartenzwerge kamen sogar von noch weiter weg: Es waren nordafrikanische Sklaven, die vor rund 800 Jahren in den anatolischen Bergwerken schuften mussten. Und da so ein Bergwerksstollen sehr eng ist, wurden für diese Arbeit Pygmäen bevorzugt.

 

Weil die Menschen im Umland der Bergwerke wiederum Angst vor den scheinbar übernatürlichen Kräften dieser Pygmäen hatten, stellten sie kleine Tonfiguren zur Bannung auf, die den kleinwüchsigen Afrikanern nachempfunden wurden. Die Ur-Gartenzwerge dürften den bleichen, rotwangigen und stupsnasigen Gartenzwergen unserer Tage also nicht sehr ähnlich gesehen haben.

 

Kaufleute aus Venedig brachten diesen Kult schließlich in die Parks des italienischen Adels. Ab 1500 finden sich auch Exemplare aus Sandstein nördlich der Alpen, aus denen sich in der Folge der Barockzwerg entwickelte und die mediterranen Gärten bevölkerte. Aus Porzellan wurden Miniatur-Modelle für drinnen gefertigt.

Die deutsche Prägung der Gartenzwerge

Die Geschichte der modernen, bunten Gartenzwerge aus Keramik begann dagegen tatsächlich in Deutschland – wir können beruhigt sein. Zwar kreierte der Engländer Sir Charles Isham 1847 als Erster bunte „Garden Gnomes“ mit allen Attributen heutiger Zwerge, von denen einer sogar noch erhalten ist; doch waren diese Gartenzwerge für die Innen-Deko gedacht.

 

Die Wiege der modernen Gartenzwerge für den Garten wird von Historikern im thüringischen Gräfenroda verortet. Dort gründete Heinrich Dornheim im Jahr 1856 eine Fabrik für Terrakotta-Produkte und stellte aus vor Ort gewonnener Tonerde naturalistische Tierköpfe her. Zwei seiner Schüler, August Heissner und Philipp Griebel, gründeten knapp zwanzig Jahre später eigene Terrakotta-Fabriken: Hier stellten sie zunächst ebenfalls Tierfiguren her, doch ab 1880 kamen auch Gartenzwerge in Serie dazu (wobei man damals noch von „Gnömchen“ oder „Gnomen“ sprach).

 

Einer dieser ältesten deutschen Gartenzwerge überhaupt schrieb übrigens im Jahr 1970 mit rund 80 Jahren Pop-Geschichte. Gemeinsam mit drei Kollegen posierte er für das Cover des Solo-Albums „All Things Must Pass“ vom damals frischgebackenen Ex-Beatle George Harrison, das auf Platz eins der britischen und amerikanischen Charts landete.

 

Das alles habe ich übrigens auch meinem Vater erzählt, der als Mitglied der 68er-Bewegung eigentlich überhaupt kein Freund von vermeintlich spießigen Gartenzwergen ist – 1. FC Köln hin oder her. Doch spätestens als ich die Beatles erwähnte, stimmte ich ihn um. Von wegen spießig!

 

Follow & like:
Beitrag drucken

Er ist gebürtiger und überzeugter Kölner. Trotzdem hat er den Geißbock Ende 2015 freigelassen und ist nach Berlin gezogen. In seiner Freizeit dilettiert er auf verschieden Gebieten: Literatur, Fotografie und asiatische Kampfkünste. Irgendwann wird er das alles hinschmeißen und als Life-Coach über den Balkan reisen.

Review overview
NO COMMENTS

POST A COMMENT

Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial